Raumverwaltung im Hundetraining: Alte Dominanztheorie neu verpackt

Hundetraining Bern Grosse Hunde auf Wiese

Raumverwaltung - eine Weiterbildung für Immobilienfachleute oder schlechte Laune für dich und deinen Hund?

Ist das nun Raumverwaltung unter Hunden oder Vertrauen?

In schöner Regelmässigkeit tauchen sie auf, diese Trainingsansätze, die sich auf das natürliche Verhalten unter Hunden im Rudel beziehen und den Menschen selbstverständlich zum Rudelführer und Alpha werden lassen.

Hier etwas Lerntheorie:

  1. Ein bindungsorientierter und belohnungsbasierter Umgang zielt darauf ab, die Emotion und die Bedürfnisse des Hundes zu erkennen, ernstzunehmen und so zu arbeiten, dass erwünschtes Verhalten möglichst oft gezeigt und belohnt (verstärkt) werden kann. Stärken werden gestärkt, Schwächen geschwächt.

  2. Strafbasierte oder aversive Ansätze gehen so vor, dass du dem Hund mittels Strafe zeigst, welches Verhalten du nicht haben willst. Die Strafe muss prompt und heftig ausgeführt werden, damit es funktioniert. Aus Angst vor der Konsequenz soll er ein Verhalten nicht mehr zeigen, das Verhalten wird gehemmt. Funktion steht vor Bedürfnis und Emotion.

  3. Egal, was du tust, dein Hund wird sich immer an dich binden . Dein Umgang bestimmt die Qualität der Bindung. Dass Hunde identisches Bindungsverhalten wie Menschen zeigen und auf die gleiche Weise Emotionen verarbeiten wie wir, ist belegt. Eine sichere Bindung alleine ersetzt übrigens kein Training, aber es macht das Leben für euch beide bedeutend schöner und das Lernen einfacher.

Beim Konzept der Raumverwaltung geht es darum, dem Hund körpersprachlich durch Blocken seinen Raum zu nehmen und freizugeben. Dies mit dem Ziel, ihm seinen (niedrigen) Rang zu verdeutlichen und ihn dadurch besser führen zu können. Raumverwaltung ist ein Programm zur Rangreduktion und fusst auf der Dominanztheorie.

Raumverwaltung gründet auf der nicht belegten Annahme, dass Hunde erstens in Räumen denken, dass zweitens Status an Raum gebunden ist und drittens Hunde, werden sie nicht reduziert in ihrem Rang, fröhlich und gerne den ganzen Tag auf irgendeiner Nase herumtanzen. Da ist sie also, die gute alte Dominanztheorie inkl. Alpha!

Und hier noch einmal und hoffentlich zum letzten Mal: Die Dominanztheorie ist seit mehr als 30 Jahren Jahren widerlegt. Sie stimmt weder für Wölfe noch für Hunde.

Gezeigt wird die Raumverwaltung gerne in Filmsequenzen, in denen grössere Gruppen von Hunden ohne Leine durch die Stadt oder den Wald geführt werden. Vorne läuft der Mensch, dahinter reihen sich die Hunde wie von magischer Hand geführt ein. Auch beim Training der Leinenführigkeit, bei Hundebegegnungen, beim Aufbau von Taburäumen in einem Haus oder beim Deckentraining wird gerne Raumverwaltung als Lösung propagiert.

OMG!! Das will ich auch können, denkst du verzweifelt, während dein Hund einmal mehr brüllend in der Leine hängt und du dich bange fragst, wie lange dein Schultergelenk das noch aushält.

Weshalb werde ich von meinem Hund durch den Wald geschleift, während andere nur einmal kurz zischen?

Und anstatt dass du dich jetzt beruhigst (Selbstregulation), dich um deinen aufgebrachten Hund kümmerst (Co-Regulation, Bindungsverhalten) und dir dann zuhause in Ruhe überlegst, was denn die GRÜNDE für das Verhalten deines Hundes sein könnten (Trainingstagebuch führen), entschliesst du dich, ab sofort MEHR und HÄRTER zu trainieren. Schluss jetzt mit nett und fair und positiv. Jetzt muss er einfach mal gehorchen.

Frage dich bei allen “guten Tipps” immer: Werde ich für meinen Hund damit vertrauenswürdiger oder unberechenbarer?

Mit drohender Körpersprache durchgesetzte räumliche Begrenzungen führen je nach Typ Hund schneller oder weniger schnell zu Stress, Frust, Angst, Meideverhalten und/oder Aggression. Auf diese Weise gehemmte Hunde zeigen oft wenig bis kein Erkundungsverhalten mehr, ihr Verhaltensrepertoire ist eingeschränkt und nicht selten sind sie schlicht tickende Bomben. Auf den ersten Blick wirken sie brav, gut erzogen oder komplett abgelöscht. Unter dem Fell kann es aber ordentlich brodeln.

Raum geben, um Kommunikation überhaupt zu ermöglichen

Tatsächlich nutzen Hunde in ihrer Kommunikaiton auch die Einschränkung und Gewährung von Bewegungsradien und Raum. Sie tun dies subtil, abgestuft und immer im Rahmen einer grösseren und fein abgestimmten Ausdrucksweise. Hunde verfügen über ein riesiges Repetoire aus Mimik, Laut, Bewegung, Blick, Geruch. Räume geben und gewähren ist lediglich ein Element in der gesamten Kommunikation.

Wenn sich der Umgang mit unseren Hunden darauf beschränkt, ihr Verhalten zu korrigieren, zu hemmen, zu unterbrechen und zu unterdrücken, verpassen wir sehr viele körpersprachliche Zeichen und Kommunikation. Ein gehemmter Hund hört auf zu reden. Wir werden nicht erkennen und schon gar nicht verstehen können, weshalb er ein Verhalten zeigt oder sogleich zeigen wird, geschweige denn mitfühlen können, wie es dem Hund in einer Situation geht. Nicht nur, aber insbesondere auch im Umgang mit Kindern kann gerade dies fatal sein.

Es sind diese feinen Zeichen, die der Schlüssel zu einer tieferen Verbindung und einem wirksamen Training sind. Dieses geht weit über das Verwalten eines physischen Raumes hinaus und beinhaltet eine umfassende Sprache des Verstehens und des Respekts zwischen Mensch und Hund. Denn Hunde lernen nicht nur über Training durch operante Konditionierung, sondern immer auch durch soziales Lernen.

Ich persönlich bin der Überzeugung, dass soziales Lernen der Weg im Umgang mit unseren Hunden ist. Und Raumverwaltung ermöglicht definitiv kein soziales Lernen.

Hunde brauchen niemanden, der sie verwaltet. Sie brauchen freundliche Menschen an ihrer Seite, die gerne Zeit mit ihnen verbringen und sich für ihre Bedürfnisse interessieren.


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Ha-Ha-Hallo Halloween!