Wenn Hunde beinahe aus dem Pelz hüpfen

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Was tun diese beiden da?

Wollen Hunde immer spielen, wenn sie rumhüpfen? Ist Knurren gleich Gefahr? Bedeutet Schwanzwedeln Freude? Hinten wedelts und vorne knurrts, das soll mal einer verstehen..

Je besser du deinen Hund lesen kannst und je mehr er mit dir zu sprechen beginnt, desto einfacher wird euer Zusammenleben. Für dich wirds klar, was er so erzählt und für deinen Hund wird es schön, weil er gesehen und gehört wird. Es ist wahrlich keine Hexerei, man kann das üben.

Augen auf, hinschauen, aufschreiben, den Hund und am besten dich selbst filmen, jeden Hund im Alltag beobachten, der dir irgendwie ins Sichtfeld kommt.

Was erzählen die beiden?

Beschreibe, ohne zu werten und zu interpretieren. Und manchmal weiss man es auch einfach nicht…

Fiddle about - in der Reihe mit Flight, Fight, Freeze

Der Unterschied zwischen Aufregung, Überforderung und Freude ist nicht immer leicht zu erkennen und manchmal hat es auch von allem etwas mit dabei.

Fiddlen in Hundebegegungen

Fiddle about, wohl am besten übersetzt mit "Herumalbern”, ist eine sogenannte Konfliktlösungsstrategie oder auch ein Beschwichtigungsverhalten. Ob es das eine oder das andere ist, spielt für dich vielleicht gar nicht so eine grosse Rolle, solange du anerkennst, dass deinem Hund nicht ganz wohl ist in der Situation. Denn gerade in Hundebegegnungen wird Fiddeln oft falsch gelesen und als Spielaufforderung interpretiert.

Los geht’s.

  1. Achte wie immer auf den gesamten Kontext:

  • Begegnet ihr hier gerade einem fremden Hund?

  • Wie sieht dein Hund aus? Rute, Ohren, Fell? Körperspannung? Blick?

  • Hat er kurz vor der Begegnung “die Flunder gemacht”, sich also platt auf den Boden gelegt und ist dann losgesprintet?

  • Hat er versucht, wegzugehen?

  • Hat er den anderen Hund fixiert?

  • Hat er lange und intensiv am Boden geschnüffelt?

Trifft eine oder alle dieser Beschreibungen auf deinen Hund in dieser Situation zu, ist es eher weniger wahrscheinlich, dass dein Hund eine echte Spielaufforderung machen wird. Dazu fehlen einfach ein paar wichtige Voraussetzungen - mehr dazu weiter unten. Es dürfte also vielmehr so sein, dass er versucht, die Situation freundlich aufzulösen. Sich aus der Begegnungn rauszuhopsen, gewissermassen. Menschen machen das übrigens auch in heiklen Situationen: schampar lustig sein, zu laut und leicht hysterisch werden wir alle mal, wenn es unangehm ist. Wollen wir in dem Moment mehr Kontakt ? Meist nein.

  1. Achte auf die Bewegungen:

  • Gerade die sogenannte Vorderkörpertiefstellung, die in diesen Situation gezeigt wird, wird gerne als Spielaufforderung gedeutet und mit dem echten Play Bow verwechselt. Beim Fiddlen sind die Vorderbeine zwar auch abgeknickt, jedoch relativ gerade vor dem Körper und die Verbeugung geht weniger tief. Das sieht bei einer echten Spielaufforderung anders aus

  • Die Bewegungen sind allgemein eckig, die Rute ist steif, Körper und Gesicht angespannt

  • Die Sprünge gehen oft weg vom anderen Hund

  • Die “Aufforderung” kommt nur einmal

  • Ordne diese Anzeichen in den Kontext oben ein - welches Gesamtbild erhälst du? Wäre eine echte Spielaufforderung überhaupt angemessen gewesen?

Fiddlen ist nicht die schlechteste Strategie, die viele unerfahrene oder unsichere Hunde anwenden, um eine etwas angespannte oder unsichere Situation zu entschärfen. Und das darfst du deinem Hund gerne auch so mitteilen und an seinen Strategien arbeiten, so dass er immer gelassener und sicherer werden kann.

Hast du die Emotion hinter dem Verhalten erkannt und eingeordnet, kannst du deinem Hund besser helfen und dir ein gutes Training überlegen. Für den Hund, so stelle ich es mir vor, fühlt es sich auch einfach nicht gut an, wenn er täglich falsch verstanden und als lustiger Kasperl gesehen wird, obwohl er es gar nicht so meint. Falsch verstandene und damit auch potentiell frustrierte Hunde können früher oder später auch eine andere Auffälligkeit im Verhalten entwickeln. Fühlt sich halt einfach schlecht an, auch für deinen Hund, wenn er nicht verstanden und gesehen wird.

Woran erkennst du eine echte Spielaufforderung?

Achte auch hier auf den Kontext:

  • Spiel setzt Vertrauen und Sicherheit voraus

  • Beide können das Spiel jederzeit unterbrechen

  • Eine Spielaufforderung ist weich, rund, geschmeidig

  • Dein Hund zeigt ein albernes Spielgesicht

  • Der sogenannte Play Bow, also diese Vorderkörpertiefstellung, wird mehrmals wiederholt

  • Die Vorderbeine sind dabei breit abgewinkelt und der Vorderkörper ist richtig tief abgesenkt

  • Die Rückenlinie ist kurvig

  • Der Blick geht nicht direkt zum anderen Hund

  • Oft verbleiben die Hunde eine paar Sekunden in dieser Position, bevor sie losrennen, am Boden weiterspielen oder ein Pause einlegen

Hunde spielen im Heu

Zwei lustige Freundinnen im Heu

Okay, okay, ich seh’s, mein Hund fiddelt und zwar nicht nur in Begegnungen mit Hunden. Was jetzt?

Wenn du siehst, dass dein Hund bei Begegnungen mit Menschen (oder nur mit bestimmten Menschen) oder Hunden ins Fiddlen kommt, dann braucht er in diesen Momenten etwas mehr Begleitung und Unterstützung von dir. Ein “Sitz” oder “Platz” kann dir vielleicht mal kurzfristig helfen, du änderst jedoch rein gar nichts an der zugrundeliegenden Emotion und an der Überforderung mit der Situation.

  • Hilf deinem Hund freundlich aus der Situation heraus, indem du zb mit ruhiger Stimme “komm, wir gehen weiter” sagst. Oder “komm, du kannst hier zu mir kommen”

  • Vielleicht kannst du das nächste Mal bereits vor der direkten Begegnung einen kleinen Bogen laufen oder den Menschen nicht so nah kommen lassen

  • Tempo rausnehmen geht immer!

  • Sozialkompetenz will gelernt und geübt sein: schaffe viele gute Situationen, in denen dein Hund lernen kann. Von anderen Hunden, von freundlichen Menschen. Hunde schauen sich Begegnungen und Sozialverhalten auch ab. Vielleicht musst du dazu bewusst geeignete Orte ausserhalb deiner gewohnten Runde aussuchen.


Wenn dein Hund in der Ineraktion mit dir häufig Fiddeln zeigt

  • Du willst deinen Hund bürsten und er beginnt wie wild auf der Bürste herumzukauen, zu zappeln, zu klemmen, zu beissen…. mmmh, will der wirklich spielen? Oder ist es nicht vielmehr eine freundliche Bitte um mehr Distanz?

    Probiere mal aus, dann wirst du es erkennen:

  • Du nimmst sofort Tempo weg, sobald dein Hund unruhig wird. Du setzt dich ganz ruhig auf den Boden und hälst die Bürste einfach in der Hand. Lass deinen Hund schauen, daran schnuppern. Warte solange, bis er ruhig ist. Und jetzt bewegst du die Bürste mal in Richtung deines Hundes. Bleibt er ruhig? Super. Wird er bereits unruhig? Dann warst du zu nahe und zu schnell. Geh also sofort wieder zurück in der Intensität, werde noch langsamer und ruhiger. Mach Pause. Versuche es später wieder. Wenn du mit dem Markertraining vertraut bist, kannst du damit arbeiten.

  • Zappelt dein Hund beim Anleinen herum? Siehe oben.

  • Zappelt dein Hund beim Abtrocknen? Siehe oben.

Dein Hund braucht in diesem Moment weder ein Signal noch einen Befehl.

Er braucht Sicherheit und deine volle Präsenz, um wieder Boden unter die Pfoten zu bekommen.

Und dann entstehen echte Spiele unter Hunden und auch zwischen Hund und Mensch.


Nelly Botta

Kommunikation und Hunde: Kommunikationswissenschafterin und Hundeverhaltenstraining

https://www.hundzikers.ch
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